Bruderschaft

Ein kurzer Blick in die lange Geschichte der St. Sebastianus-Bruderschaft Angermund von 1511

In jedem Jahr, am 2. Sonntag im September, feiert man in Angermund Schützenfest. Ein Fest, nicht nur für die Schützen, sondern für alle Angermunder Bürger und Besucher aus den Nachbargemeinden. Für viele Bürger ist dieses Fest aber auch der einzige Kontakt zu den Schützen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Schützen oft nur als eine "feucht fröhlich feiernde Männertruppe" wahrgenommen werden. Ein zwar leider weitverbreitetes Bild, das aber, alle die im Schützenwesen aktiv sind wissen es, nicht der Realität entspricht.
Im folgenden möchte ich für einige zur Erinnerung, für andere zur Information , einen kurzen Rückblick in unsere lange Geschichte, auf unsere Traditionen, aber auch auf unsere heutigen Aufgaben und Ziele geben
In diesem Jahr feierte unsere Bruderschaft ihr 495. Schützenfest , d.h. sie wird in 5 Jahren ein halbes Jahrtausend alt! 495 Jahre, ein Zeitraum, den wir in seiner Gesamtheit kaum übersehen können, mit Höhen und Tiefen, mit unterschiedlichsten Herrschafts- und Gesellschaftsformen, mit Kriegen und mit einem einzigartigen Wandel im Bereich der Technik.
Wie fast überall im Rheinland waren es Notzeiten, die zum Zusammenschluss der Bürger in wehrhafte oder kirchliche Bruderschaften führte. Zu den Letzteren gehörte unsere Bruderschaft von jeher, und sie leistete Hilfe bei Seuchengefahr durch Pest oder Cholera, bei der Pflege von Alten und Kranken und sie kümmerte sich um die Armen des Ortes.

Das Gründungsdatum der meisten Bruderschaften unserer Umgegend
liegt zwischen 1430 und 1470. Unsere Bruderschaft wurde wahrscheinlich
etwa 1450 gegründet, doch ist dieser Vorgang urkundlich nicht zu belegen.
Erstmals urkundlich erwähnt wird die Bruderschaft Angermund 1511 und demzufolge kann nur dieses Jahr als Gründungsjahr angenommen werden. Leider sind die ältesten Aufzeichnungen 1729 bei einem Kirchenbrand vernichtet worden.
Als Schutzpatron erwählte sie St.Sebastianus. Der Legende nach wurde Sebastianus, obwohl Heerführer im römischen Heer, auf Befehl von Kaiser Diocletian an einen Pfahl gebunden, um wegen seines Glaubens mit Pfeilen erschossen zu werden. Doch die natürlichen Pfeile erwiesen sich als unwirksam, und deshalb, so der Glaube, musste er auch gegenüber übernatürlichen und unsichtbaren Geschossen, den Giftpfeilen in Krankheits- und Unglücksfällen, gefeit bleiben.
Zu den Aufgaben der Sebastianus- Bruderschaften gehörte auch die Teilnahme an kirchlichen Festen und die Begleitung von Prozessionen mit ihrem Banner.
Aber auch der Schutz Angermunds vor Räubern und Dieben und die Verteidigung in kriegerischen Zeiten gehörte zu den Pflichten der Schützenbrüder. (Schützenbruderschaft kommt ursprünglich von dem Schützen vor Übergriffen).

Wie schon erwähnt, waren die ältesten Aufzeichnungen 1729 durch einen Brand vernichtet worden, so dass über den Werdegang unserer Bruderschaft während den ersten beiden Jahrhunderten mangels Unterlagen nichts berichtet werden kann.
Auf St. Sebastianustag - am 20. Januar 1731 - haben Pfarrer J.H.Eßer und die damaligen Schützenbrüder ein neues Buch angelegt und darin aufgezeichnet, was von der früheren Ordnung, den Regeln, Einkommen, Rechten, Strafen, und Gewohnheiten für die Nachkommen überliefernswert erschien. Diese Observanz-Ordnung ist ein Dokument von hohem zeitgeschichtlichen Wert.
Von diesem Zeitpunkt an lässt sich die Geschichte unserer Bruderschaft gut verfolgen, aber natürlich können im Rahmen eines kurzen Überblicks nur einige Begebenheiten erwähnt werden.
Beginnen möchte ich mit der zahlenmäßigen Entwicklung, die zeigt, dass es selbstverständlich über einen solch langen Zeitraum immer ein bewegtes Auf und Ab gegeben hat, worin sich auch die entsprechende Entwicklung in der Gesellschaft widerspiegelt. Alles in allem ist jedoch ein erfreuliches Wachstum zu beobachten.
Die Bruderschaft hatte 1729 die hier aufgezählten 38 Mitglieder.

Hermanus Wardenberg
Henricus Esser
Petrus Ohligschläger
Conradus Broden
Maurcius Baur
Berend, Suitbertus und Ives Klapdor
Franz Küpper
Johann D. Dickmann
Suitbertus und Ludowicus Fowinkel
Rudgerus Hellersberg
Petrus Breiderhoff
Peter von Trosdorff
Peter Große-Kamp
Berend van der Beck
Ludwig Zaß
Johann H. Klintenberg
Frederich Bröcker
Johann Krauß
Christoffel Werners
Christoffel Leidmann
Henrich Wolff
Christianus Keyser
Hermanus Blomekamp
Johannes und Dederich Perpet
Berend Ohlichschläger
Johann A. Broden
Hermanus Weysen
Wilhelm Rosen
Berend Jungholtz
Ives Heid-Kamp
Johann Holdschneider
Petrus Fischer

Sicher wird dem einen oder anderen so mancher Name irgendwie bekannt vorkommen.

Nach einer " Specification derer Brüder welche S. Sebastiani Tag 1770 sich annoch beym Leben vorgefunden haben " wurden 57 Schützenbrüder aufgeführt. Der Sterbelade von 1840 waren 92 Schützen beigetreten. Als die Bruderschaft 1909 erstmals in das Vereinsregister beim Königlich-Preußischen Amtsgericht zu Ratingen eingetragen wurde, hatten 139 Mitglieder die neue Satzung unterzeichnet. Ende 1934, inzwischen war die Bruderschaft Rahm, die seit jeher die 2. Kompanie der Bruderschaft Angermund-Rahm gebildet hatte, selbständig geworden, zählte unsere Bruderschaft 122 Mitglieder. Am 27. Januar 1945 versammelten sich die verbliebenen 28 Mitglieder zur letzten Jahreshauptversammlung während des Krieges. Nach dem Krieg blühte die Bruderschaft aber wieder auf. 1947 hatte sie schon wieder 62 , 10 Jahre später 226 und 1962 waren es 254 Mitglieder. 1986, im 475. Jahr ihres Bestehens, zählte die Bruderschaft 475 Mitglieder. 2006, nachdem beschlossen worden war auch Frauen in die Bruderschaft aufzunehmen, sind es 480 Schützenschwestern und -brüder.
Ein eindrucksvolles Beispiel für die Verwirklichung der bruderschaftlichen Ideale ist die Gründung einer Kranken- und Sterbelade im Jahre 1840. Das war eine Kasse zur Selbsthilfe, in die alle Schützenbrüder Beiträge einzahlten, um im Falle der Not oder Bedürftigkeit eine Hilfe zu erhalten. Erst die Einführung der gesetzlichen Krankenversicherung für Arbeiter im Jahre 1883 minderte ihre Bedeutung. Die Lade war somit die Vorgängerin unserer heutigen Sterbegeldkasse
Immer wieder leistete unsere Bruderschaft außergewöhnliche Ausgaben nicht nur für soziale Zwecke, sondern auch für die St. Agnes Kirche zu Angermund. 1879 beschloss die Bruderschaft einstimmig einen St.Sebastianus-Altar in Auftrag zu geben, der 1880 in der Kirche aufgestellt wurde. Im Jahre 1900 zahlte die Bruderschaft 1000 Mark für den Anstrich und die Ausmalung der Kirche.
Im Verlaufe der Jahrhunderte musste die Bruderschaft in Kriegszeiten auf Vereinsleben und Feste verzichten. Sie hat sich immer wieder erholt und erneuerungsfähig gezeigt wie z.B. nach der "Franzosenzeit" und den Freiheitskriegen.
Eine besonders schwere Bewährungsprobe hatte die Angermunder Bruderschaft während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu bestehen. Die Nationalsozialisten versuchten sie, wie alle konfessionellen Vereinigungen, in einen weltlichen Verein umzuwandeln und in den Reichssportverband einzugliedern. Man nannte das " Gleichschaltung".
Als die Mitglieder auch 1936 noch einstimmig für die Beibehaltung der christlichen Bruderschaft stimmten, verbot die Geheime Staatspolizei das Schützenfest 1936 und auch das beabsichtigte Familienfest. Verhandlungen mit der Partei brachten keine befriedigenden Ergebnisse, die Bruderschaft beschloss, in jedem 3. Monat gemeinsam zur hl. Kommunion zu gehen und danach einen religiösen Vortrag zu hören. Für damalige Zeiten äußerst mutige Entschlüsse. Da zu befürchten war, dass die der Bruderschaft gehörenden Grundstücke enteignet würden, wurden diese verkauft und der Erlös der Kirche zur Verfügung gestellt.

Ursprünglich verstand sich die Bruderschaft ausschließlich als Vereinigung von katholischen Männern. Nach dem Ökumenischen Konzil, das die Einheit der christlichen Kirchen anstrebt, öffnete sie sich für die evangelischen Christen. Die Schützen haben sich immer als eine große Familie, als Schützenfamilie, verstanden. Und dies, obwohl die Frauen rechtlich nicht Mitglieder der Bruderschaft waren. Auf der Jahreshauptversammlung 2006 wurde dann aber mit überwältigender Mehrheit beschlossen, interessierte Frauen als Mitglieder aufzunehmen.
Die St. Sebastianus-Bruderschaft Angermund 1511 ist seit 2006 also eine Vereinigung von christlichen Männern und Frauen die sich zu den Grundsätzen und Zielen des Bundes der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften e.V. bekennt.

Die heute aktivste Form des Schützenbrauchtums findet zu einem großen Teil in unseren, aus ca. 15-20 Schützenbrüdern* bestehenden, historischen Gruppen statt. Ausflüge und eigene Festivitäten wie z.B. das Ausschießen eines Gruppenkönigs festigen den Zusammenhalt.
Ein besonderer Festtag für die gesamte Bruderschaft war bzw. ist bis heute der St. Sebastianustag, oder, wie wir heute sagen, das Patronatsfest. Früher wie heute findet an diesem Tag nach gemeinsamer Messe eine Versammlung (Jahreshauptversammlung) statt, bei der alle wichtigen Beschlüsse wie Neuaufnahmen, Höhe der Beiträge, wichtige Ausgaben, in früheren Zeiten auch Strafen, usw. gefasst werden. Auch hier folgt(e) nach der Arbeit das Vergnügen in Form eines gemütlichen Beisammenseins mit Tanz und Unterhaltung.

Höhepunkt des Schützenjahres war und ist natürlich das Schützenfest.
Bis zum Jahre 1921 (mit Ausnahme der Jahre 1869 - 1872 ) wurde am Pfingstmontag der König ausgeschossen. Seit 1921 wird das Schützenfest in Angermund alljährlich am 2. Wochenende im September gefeiert.
König wurde -und wird auch heute noch- der Schütze, der das letzte Stück des aufgestellten Vogels von der Platte herunterschießt. Ein Jahr lang repräsentiert er, zusammen mit seiner Königin, unsere Bruderschaft bei vielen Veranstaltungen in Angermund und Schützenfesten unserer Nachbarbruderschaften.

Nach diesem kurzen Rückblick fragt man sich vielleicht, was war in den ganzen Jahrhunderten so bewegter Geschichte der tragende Zusammenhalt unserer Bruderschaft?
War es das Leben nach dem Motto "Glaube, Sitte, Heimat"?
War es die soziale Verpflichtung oder einfach die Freude am Feiern?
Eine einfache Antwort gibt es wohl nicht, weil Vieles zusammenkommen muss um 495 Jahre alt zu werden.
Ganz sicher aber waren ausgeprägter Gemeinschaftssinn, das persönliche Engagement des Einzelnen für die Gemeinschaft und die Treue zum Glauben die wesentlichen Elemente für den Zusammenhalt in unserem Bruderschaftsleben.
Und wie ist es heute?
In einer Zeit , die scheinbar nur durch Begriffe wie Terror, Krieg, Werteverlust, Politikverdrossenheit, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, PISA,.. usw. charakterisiert ist, sind es wiederum genau diese Elemente die noch immer von Bedeutung sind; ja sie werden immer wichtiger.

Eine zuverlässige Gemeinschaft ist die Grundlage des menschlichen Miteinanders. Deshalb engagieren sich viele Schützen in der Jugendarbeit, in sozialen, karitativen und kirchlichen Organisationen.
Auch unsere Bruderschaft ist in diesen wichtigen gesellschaftlichen Feldern sehr aktiv.

In einer Gemeinschaft wie die der Schützen können Menschen unterschiedlicher Lebensauffassung, Ausbildung, Berufe , Konfessionen miteinander sprechen, diskutieren, arbeiten, feiern, traurig sein oder sich freuen.
Die Menschen die unsere Gemeinschaft mittragen, sind in Angermund beheimatet.

Wir würden uns freuen, wenn möglichst viele "dazugehören" möchten.

Harald Weber
Schriftführer der
St.Seb. Bruderschaft Angermund 1511





* Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird in diesem Artikel in der Regel die männlich Form verwendet. Alle Bezeichnungen gelten für Frauen in der weiblichen Form.



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